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Tägliches Multivitamin: Verlängert es wirklich das Leben?

Ein tägliches Multivitaminpräparat gehört zu den meistgekauften Nahrungsergänzungsmitteln weltweit, getrieben von der Überzeugung, es sei eine einfache "Versicherungspolice" für ein längeres Leben. Eine riesige Kohortenstudie mit fast 400.000 US-Erwachsenen, über 27 Jahre begleitet, zeigt jedoch das Gegenteil der Erwartung — wer regelmäßig ein tägliches Multivitamin einnahm, hatte eine etwas höhere, nicht niedrigere, Gesamtsterblichkeit als Nicht-Anwender.

AKdr Anna Kowalczyk23. August 202612 Min. Lesezeit
Inhaltsverzeichnis

Warum ein Multivitamin naheliegend erscheint

Die Logik hinter einem täglichen Multivitamin erscheint intuitiv: Da die Ernährung selten genau optimale Mengen aller Vitamine und Mineralstoffe liefert, sollte eine Tablette "zur Sicherheit" eventuelle Lücken schließen und zumindest nicht schaden. Diese Überzeugung treibt seit Jahrzehnten einen Multivitamin-Markt im Wert von Milliarden Dollar jährlich an, obwohl belastbare Daten zur Wirkung auf harte Endpunkte wie Sterblichkeit lange Zeit lückenhaft waren.

Zwei große Kohortenstudien — eine 2024 in JAMA Network Open veröffentlicht, die andere bereits 2011 in Archives of Internal Medicine — liefern Daten, die diese intuitive Annahme infrage stellen.

Was die Studie von 2024 mit fast 400.000 Personen zeigt

Die aktuellste und größte dieser Studien stammt von Loftfield und Kollegen, veröffentlicht 2024 in JAMA Network Open, und analysiert Daten aus drei großen, prospektiven US-Kohorten mit einem Nachbeobachtungszeitraum von fast drei Jahrzehnten.

Multivitamin Use and Mortality Risk in 3 Prospective US Cohorts

Starke Evidenz

Loftfield E, O'Connell CP, Abnet CC, Graubard BI, Liao LM, Beane Freeman LE, Hofmann JN, Freedman ND, Sinha R · JAMA Network Open · 2024

Die Studie umfasste 390.124 US-Erwachsene, die bis zu 27 Jahre nachverfolgt wurden, wobei 164.762 Todesfälle registriert wurden. Die tägliche Multivitamin-Einnahme war nicht mit niedrigerer Gesamtsterblichkeit assoziiert — in der ersten Hälfte des Nachbeobachtungszeitraums war das Risiko etwas höher (HR=1,04; 95%-KI 1,02-1,07), und in der zweiten Hälfte hielt sich der Effekt auf einem ähnlichen, statistisch nicht signifikanten Niveau (HR=1,04; 95%-KI 0,99-1,08).

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Der Umfang der Studie macht dieses Ergebnis schwer zu ignorieren

Starke Evidenz

Eine Stichprobe von fast 400.000 Personen und über 164.000 Todesfällen ist eine der größten Analysen dieser Art in der wissenschaftlichen Literatur — eine solche Größenordnung kann selbst kleine Unterschiede in der Sterblichkeit aufdecken, sofern sie tatsächlich zugunsten des Multivitamins bestünden. Dass die Studie trotz dieser hohen statistischen Aussagekraft keinen Nutzen zeigte, sondern in der ersten Hälfte der Nachbeobachtung sogar ein leicht erhöhtes Risiko, ist ein Ergebnis, das sich schwer als Zufall abtun lässt.

Was die frühere Iowa Women's Health Study zeigt

Dieses Ergebnis steht nicht allein — eine ähnliche Richtung des Zusammenhangs wurde bereits über ein Jahrzehnt zuvor in der Studie von Mursu und Kollegen aus dem Jahr 2011 beschrieben, veröffentlicht in Archives of Internal Medicine, mit älteren Frauen aus der Iowa Women's Health Study.

Dietary supplements and mortality rate in older women: the Iowa Women's Health Study

Mäßige Evidenz

Mursu J, Robien K, Harnack LJ, Park K, Jacobs DR Jr · Archives of Internal Medicine · 2011

Die Studie umfasste 38.772 ältere Frauen, unter denen bis 2008 15.594 Todesfälle (40,2% der Teilnehmerinnen) registriert wurden. Die Multivitamin-Einnahme war mit einem leicht erhöhten Gesamtsterblichkeitsrisiko assoziiert (HR=1,06; 95%-KI 1,02-1,10). Ein ähnlich erhöhter Zusammenhang zeigte sich für die Einnahme von Eisen (HR=1,10) und Kupfer (HR=1,45), während Calcium-Supplementierung mit einem umgekehrten, schützenden Zusammenhang assoziiert war (HR=0,91; 95%-KI 0,88-0,94).

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Nicht alle Multivitamin-Bestandteile wirken in dieselbe Richtung

Mäßige Evidenz

Ein besonders aufschlussreiches Element der Mursu-Studie ist, dass einzelne Supplement-Bestandteile innerhalb derselben Kohorte unterschiedliche, teils gegensätzliche Richtungen des Zusammenhangs mit der Sterblichkeit zeigten — Eisen und Kupfer waren mit höherem, Calcium mit niedrigerem Risiko assoziiert. Das zeigt, dass die Behandlung von "Supplementierung" als einheitliche Kategorie bedeutsame Unterschiede zwischen den einzelnen Bestandteilen verschleiern kann.

Warum das nicht bedeutet, dass Multivitamine giftig sind

Entscheidend ist die richtige Interpretation dieser Ergebnisse. Die Effektgrößen sind sehr klein — eine HR von 1,04-1,06 bedeutet einen Risikoanstieg von nur wenigen Prozent, keine dramatische Gesundheitsgefahr. Beide Studien sind beobachtend, nicht experimentell, das heißt, sie können Kausalität nicht endgültig beweisen — möglich ist etwa umgekehrte Kausalität (Menschen, die sich bereits aus anderen Gründen um ihre Gesundheit sorgen, greifen eher zum Multivitamin) oder andere Störfaktoren, die nicht vollständig kontrolliert werden konnten.

Mythos

Ein tägliches Multivitamin ist eine sichere "Versicherungspolice", die auf keinen Fall schadet und vielleicht sogar das Leben verlängert.

Fakt

Zwei große Kohortenstudien, darunter eine mit fast 400.000 über 27 Jahre begleiteten Personen, zeigten keinen Nutzen für die Gesamtmortalität durch die tägliche Multivitamin-Einnahme — in beiden Fällen wurde ein kleiner, aber statistisch messbarer Risikoanstieg registriert. Das ist kein Beweis für Schädlichkeit im klinischen Sinne, stellt aber die Annahme deutlich infrage, ein Multivitamin sei ein "garantiert sicherer" Nutzen ohne Kosten.

Es lohnt sich auch zu bedenken, dass diese Studien die allgemeine erwachsene Bevölkerung ohne konkrete, diagnostizierte Mängel betreffen. Personen mit einem bestätigten Mangel an einem bestimmten Vitamin oder Mineralstoff (z. B. Vitamin-D3-Mangel, den wir ausführlicher in unserem Vitamin-D3-Beitrag behandeln) stellen ein völlig anderes klinisches Szenario dar als die vorbeugende Einnahme eines Multivitamins ohne diagnostizierten Mangel.

Was das in der Praxis bedeutet

Praktische Schlussfolgerungen aus beiden Studien

  • Ein tägliches Multivitamin "zur Sicherheit", ohne diagnostizierten Mangel, zeigt in diesen großen Kohortenstudien keinen bestätigten Nutzen für die Gesamtmortalität
  • Das Ausmaß des registrierten erhöhten Risikos ist klein (wenige Prozent) — kein Grund zur Panik, aber auch kein Grund für unreflektierte, routinemäßige Einnahme
  • Einzelne Bestandteile (z. B. Eisen, Kupfer) können ein eigenes, vom Rest des Multivitamins unabhängiges Risikoprofil haben — bei der Wahl eines konkreten Präparats zu berücksichtigen
  • Ein bestätigter Mangel an einem bestimmten Vitamin oder Mineralstoff ist ein anderes Szenario als allgemeine vorbeugende Supplementierung — dann ist gezielte Supplementierung oft gerechtfertigt
  • Die Entscheidung zur routinemäßigen Multivitamin-Supplementierung sollte mit einem Arzt besprochen werden, besonders bei bestehenden Erkrankungen oder anderen eingenommenen Medikamenten

In der Praxis bedeutet das: Eine gesunde Person ohne diagnostizierte Mängel hat in diesen Daten keine starke Rechtfertigung, ein tägliches Multivitamin als lebensverlängernde Maßnahme zu betrachten. Das heißt nicht, sofort damit aufhören zu müssen — aber es lohnt sich zu prüfen, ob die Motivation für die Einnahme auf realen, diagnostizierten Bedürfnissen beruht oder auf der allgemeinen Überzeugung einer "sicheren Versicherung".

Einschränkungen, die man im Blick behalten sollte

Was diese Studien nicht beweisen

Beide besprochenen Studien sind beobachtend, nicht randomisiert — sie können umgekehrte Kausalität oder Störfaktoren trotz der großen Stichprobenumfänge nicht endgültig ausschließen. Die Studie von Loftfield et al. unterscheidet nicht im Detail zwischen Zusammensetzung und Dosierung der von den Teilnehmern verwendeten Multivitamine, was Schlussfolgerungen zu konkreten Formulierungen einschränkt. Die Mursu-Studie betraf ausschließlich ältere Frauen aus einer US-Region, was die Übertragbarkeit auf andere demografische Gruppen einschränken kann. Keine der Studien testete die Wirkung der Supplementierung bei Personen mit bestätigten, diagnostizierten Mängeln bestimmter Nährstoffe.

Praktische Zusammenfassung

FrageKurze Antwort
Verlängert ein tägliches Multivitamin das Leben?Daten aus zwei großen Kohortenstudien bestätigen das nicht — es wurde sogar eine leicht höhere Sterblichkeit beobachtet
Wie groß ist dieser Effekt?Klein — eine HR von etwa 1,04-1,06, wenige Prozent Risikoanstieg, keine dramatische Gefahr
Ist das ein Beweis, dass Multivitamine schaden?Nicht im klinischen Sinne — es handelt sich um Beobachtungsstudien, die Kausalität nicht endgültig beweisen können
Gilt das auch für Menschen mit Mängeln?Nicht direkt — die Studien betreffen die Allgemeinbevölkerung, nicht Personen mit bestätigtem Mangel an einem bestimmten Nährstoff
Wie stark ist die Evidenz?Stark hinsichtlich der Stichprobengröße, moderat hinsichtlich der Möglichkeit, auf Kausalität zu schließen

Multivitamin und Sterblichkeit im Überblick

Unsere redaktionelle Empfehlung

Es kommt selten vor, dass ein so beliebtes, routinemäßig eingenommenes Präparat mit einer Studie an fast 400.000 über 27 Jahre begleiteten Personen untersucht wird — und noch seltener, dass das Ergebnis so deutlich von der verbreiteten Überzeugung über seinen Nutzen abweicht. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein solides Argument dafür, ein tägliches Multivitamin als begründungsbedürftige Entscheidung zu betrachten, nicht als selbstverständliche, kostenlose "Versicherungspolice".

Wer eine Multivitamin-Supplementierung erwägt, sollte sich (und idealerweise einen Arzt) fragen, ob dahinter ein konkretes, diagnostiziertes Bedürfnis steht oder eher eine allgemeine kulturelle Überzeugung — die Daten legen nahe, dass im letzteren Fall der Nutzen zumindest ungewiss ist.

Multivitamine gehören zu den Präparaten, bei denen Intuition und Daten am weitesten auseinanderliegen — und der Umfang dieser beiden Studien macht diese Diskrepanz schwer als Zufall abzutun.

Dr. Anna Kowalczyk, VitMode-Redaktion

Häufig gestellte Fragen

Diese Studien beweisen nicht, dass Multivitamine im klinischen Sinne gefährlich sind — die registrierten Risikounterschiede sind klein. Die Entscheidung, die Supplementierung fortzusetzen oder zu beenden, sollte am besten nach einem Gespräch mit einem Arzt getroffen werden, unter Berücksichtigung der individuellen Gesundheitssituation, nicht allein auf Grundlage dieses einen Artikels.

Nicht direkt — beide Studien betrafen die allgemeine erwachsene Bevölkerung, ohne zwischen Personen mit und ohne bestätigten Mangel zu unterscheiden. Gezielte Supplementierung bei jemandem mit einem echten, diagnostizierten Mangel (z. B. an Vitamin D3) ist ein anderes klinisches Szenario als vorbeugende Multivitamin-Einnahme "zur Sicherheit".

Beide Studien sind beobachtend und identifizieren keinen eindeutigen kausalen Mechanismus. Mögliche Erklärungen umfassen umgekehrte Kausalität, übermäßige Zufuhr bestimmter Bestandteile (wie die Ergebnisse zu Eisen und Kupfer in der Mursu-Studie nahelegen) oder Faktoren, die nicht direkt mit dem Präparat selbst zusammenhängen, aber mit dem Lebensstil seiner Anwender korrelieren.

Das ist nicht sicher — die Studie von Loftfield et al. unterschied nicht im Detail zwischen Zusammensetzung und Dosierung der verwendeten Präparate. Die Mursu-Studie zeigt jedoch, dass einzelne Bestandteile (Eisen, Kupfer, Calcium) unterschiedliche, sogar gegensätzliche Zusammenhänge mit der Sterblichkeit haben können, was darauf hindeutet, dass die Zusammensetzung eines konkreten Präparats eine Rolle spielen könnte.

Quellen

AK

dr Anna Kowalczyk

PhD Molekularbiologie (Universität Warschau), 8 Jahre Forschung zur zellulären Alterung

Anna leitet den redaktionellen Prozess und die wissenschaftliche Prüfung aller Beiträge in der Wissensdatenbank. Zuvor forschte sie zu Autophagie und Mitochondrienbiologie.

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Kommentare (2)

  • KW

    Kasia W. vor 2 Wochen

    Sehr übersichtlich beschrieben, besonders der Abschnitt zu den Wechselwirkungen — das hatte ich so an keiner anderen Stelle gesehen.

  • MT

    Marek T. vor einem Monat

    Plant ihr ein Update mit der neuesten Studie aus diesem Jahr? Ich habe eine interessante Metaanalyse gesehen.