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Probiotika und Antibiotika: Verhindern sie wirklich Durchfall?

Eine der am besten untersuchten Anwendungen von Probiotika — und einer der wenigen Fälle, in denen die Wissenschaft einen konkreten, besten Stamm benennt, statt eines vagen „Probiotika helfen". Wir prüfen, wie stark sich das Risiko für antibiotikaassoziierten Durchfall wirklich senkt, für wen das am wichtigsten ist und welcher Stamm im direkten Vergleich gewinnt.

PZdr Piotr Zieliński22. August 202611 Min. Lesezeit
Inhaltsverzeichnis

Warum sich ausgerechnet diese Anwendung von Probiotika von anderen abhebt

In unserem Wissensdatenbank-Eintrag zu Probiotika betonen wir eine zentrale Regel: Die Wirkung von Probiotika ist stark stammspezifisch, nicht art- oder gattungsspezifisch, und die meisten Anwendungen außerhalb eines engen Kreises gut untersuchter Indikationen beruhen weiterhin auf vorläufiger Evidenz. Der Schutz vor antibiotikaassoziiertem Durchfall (AAD) ist eine der wenigen Ausnahmen — ein Bereich, in dem die Wissenschaft tatsächlich auf einen konkreten, am besten untersuchten Stamm und eine konkrete Effektgröße verweist.

Das ist eine wichtige Unterscheidung, denn die populäre Annahme „Ich nehme ein Antibiotikum, also nehme ich auch irgendein Probiotikum" berücksichtigt selten, dass nicht jedes Probiotikum gleich wirkt — und die Daten zeigen deutlich, welche Stämme über reale Unterstützung verfügen und welche nicht.

Dieser Artikel setzt Grundkenntnisse zu Probiotika voraus

Wenn Sie eine Einführung dazu suchen, was Probiotika sind und warum die Stammspezifität wichtig ist, beginnen Sie mit unserem Probiotika-Eintrag in der Wissensdatenbank. Hier konzentrieren wir uns ausschließlich auf die Anwendung während einer Antibiotikatherapie.

Was eine große, aktuelle Metaanalyse zeigt

Probiotics for the prevention of antibiotic-associated diarrhoea: a systematic review and meta-analysis

Starke Evidenz

Goodman C, Keating G, Georgousopoulou E, Hespe C, Levett K · BMJ Open · 2021

Eine systematische Übersicht und Metaanalyse von 42 randomisierten Studien mit 11 305 Teilnehmern zeigte, dass die gleichzeitige Gabe von Probiotika mit einem Antibiotikum das Risiko für antibiotikaassoziierten Durchfall bei Erwachsenen um 37 % senkt (RR=0,63, 95%-KI 0,54–0,73). Die Evidenzqualität wurde als moderat (GRADE) eingestuft. Der schützende Effekt war ausschließlich in Populationen mit moderatem oder hohem Ausgangsrisiko für AAD signifikant — in Studien mit niedrigem Ausgangsrisiko zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Höhere Dosen wirkten besser als niedrigere Dosen desselben Probiotikums. Wirksam waren vor allem Stämme der Gattungen Lactobacillus und Bifidobacterium.

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Der Effekt hängt vom Ausgangsrisiko ab

Starke Evidenz

Das ist eine der wichtigsten praktischen Erkenntnisse dieser Metaanalyse: Probiotika wirken nicht „universell" bei jedem, der ein Antibiotikum einnimmt — ihr Nutzen zeigt sich vor allem bei Personen mit erhöhtem Ausgangsrisiko für antibiotikaassoziierten Durchfall (etwa bei Breitbandantibiotika, längerer Therapie, Krankenhausaufenthalt). Die Autoren betonen ausdrücklich, dass die Ergebnisse bei niedrigem Ausgangsrisiko möglicherweise nicht anwendbar sind.

Welcher konkrete Stamm im direkten Vergleich gewinnt

Comparative efficacy and tolerability of probiotics for antibiotic-associated diarrhea: Systematic review with network meta-analysis

Starke Evidenz

Cai J, Zhao C, Du Y, Zhang Y, Zhao M, Zhao Q · United European Gastroenterology Journal · 2018

Eine Netzwerk-Metaanalyse von 51 Studien, 60 Vergleichen und 9569 Teilnehmern, die 10 verschiedene probiotische Interventionen bewertete. Lactobacillus rhamnosus GG (LGG) erzielte die höchste Wahrscheinlichkeit, sowohl bei Wirksamkeit als auch bei Verträglichkeit als bester Stamm eingestuft zu werden. Lactobacillus casei zeigte eine überlegene Wirksamkeit speziell im Kontext schwerer Clostridium-difficile-Infektionen. Kombinationen mehrerer Stämme zeigten keinen Vorteil gegenüber einem einzelnen, gut untersuchten Stamm — weder bei der Wirksamkeit noch bei der Verträglichkeit.

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Mehr Stämme in der Formel bedeutet keine bessere Wirkung

Starke Evidenz

Dieses Ergebnis ist bemerkenswert, weil es der intuitiven, im Nahrungsergänzungsmarketing beliebten Annahme widerspricht: „Je mehr Stämme in der Kapsel, desto besser." Die Netzwerk-Metaanalyse fand keinen Vorteil von Mehrstamm-Präparaten gegenüber einem einzelnen, gut untersuchten Stamm wie LGG — die Anzahl der Stämme auf dem Etikett ist kein verlässlicher Indikator für die Wirksamkeit.

Was das in der Praxis bedeutet

Was Sie wissen sollten, bevor Sie während einer Antibiotikatherapie zu einem Probiotikum greifen

  • Den größten, am besten belegten Nutzen haben Personen mit erhöhtem AAD-Risiko — Breitbandantibiotika, längere Therapie, Krankenhausaufenthalt, höheres Alter
  • Lactobacillus rhamnosus GG hat als Einzelstamm die stärkste Unterstützung, sowohl bei Wirksamkeit als auch bei Verträglichkeit
  • Höhere, gut untersuchte Dosen wirkten besser als niedrigere Dosen desselben Probiotikums
  • Ein Mehrstamm-Präparat hat keinen Vorteil gegenüber einem einzelnen, gut untersuchten Stamm — die Stammanzahl auf der Verpackung ist keine Garantie für eine bessere Wirkung
  • Bei niedrigem Ausgangsrisiko für Durchfall (z. B. kurze Therapie mit einem Schmalspektrum-Antibiotikum) kann der Nutzen eines Probiotikums schwer spürbar sein

In der Praxis ist der am besten begründete Ansatz die Wahl eines konkreten, gut untersuchten Stamms (Lactobacillus rhamnosus GG oder, im Kontext eines C.-difficile-Risikos, Saccharomyces boulardii — eine Hefe, die von Natur aus resistent gegen Antibiotika ist, wie in unserem Probiotika-Eintrag beschrieben), statt eines zufälligen Mehrstamm-Präparats aus dem Apothekenregal „zum Schutz der Darmflora".

Wann Vorsicht geboten ist

Einschränkungen und Gruppen, die Vorsicht walten lassen sollten

Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem, in kritischem Zustand, mit zentralem Venenkatheter oder nach größeren Eingriffen am Verdauungstrakt sollten die Anwendung von Probiotika mit einem Arzt besprechen — bei diesen Gruppen wurden seltene Fälle von Bakteriämie oder Fungämie im Zusammenhang mit der Translokation probiotischer Mikroorganismen beschrieben. Das sind Ausnahmen, keine Regel für die gesunde Allgemeinbevölkerung, aber wissenswert, bevor man im Krankenhauskontext oder bei deutlich geschwächter Immunität eigenständig mit der Supplementierung beginnt.

Die praktische Zusammenfassung

FrageKurze Antwort
Senken Probiotika das Risiko für antibiotikaassoziierten Durchfall?Ja — die Metaanalyse zeigt eine Risikoreduktion um 37 % (RR=0,63)
Für wen ist der Effekt am deutlichsten?Für Personen mit moderatem oder hohem Ausgangsrisiko für AAD
Welcher Stamm hat die stärkste Unterstützung?Lactobacillus rhamnosus GG — am besten bei Wirksamkeit und Verträglichkeit
Ist ein Mehrstamm-Präparat besser?Nein — kein Vorteil gegenüber einem einzelnen, gut untersuchten Stamm
Gibt eine höhere Dosis eine bessere Wirkung?Ja, innerhalb desselben Probiotikums wirkten höhere Dosen besser

Probiotika und Antibiotika auf einen Blick

Unsere redaktionelle Empfehlung

Der Schutz vor antibiotikaassoziiertem Durchfall ist einer der seltenen Fälle in der Welt der Nahrungsergänzungsmittel, in denen die Evidenz konkret genug ist, um eine praktische Empfehlung zu formulieren: Wer ein Breitbandantibiotikum einnimmt, eine Therapie von mehr als wenigen Tagen durchläuft oder zu einer Risikogruppe gehört, sollte eine Supplementierung mit einem konkreten, gut untersuchten Stamm (Lactobacillus rhamnosus GG) in geeigneter Dosis erwägen, eingenommen mit zeitlichem Abstand zur Antibiotikadosis. Bei niedrigem Ausgangsrisiko kann der Effekt schwer spürbar sein, und die Wahl eines zufälligen Mehrstamm-Präparats hat im Vergleich zu einem einzelnen, gut untersuchten Stamm keine solide Grundlage.

In einer Welt der Nahrungsergänzungsmittel, in der die meisten Anwendungen von Probiotika noch auf vorläufiger Evidenz beruhen, ist der Schutz vor antibiotikaassoziiertem Durchfall ein seltener Fall, in dem man auf einen konkreten Stamm, eine konkrete Dosis und eine konkrete Zahl verweisen kann — nicht nur auf ein vages „sollte helfen".

Dr. Piotr Zieliński, VitMode-Redaktion

Häufig gestellte Fragen

Viele Forschungsprotokolle empfahlen einen Abstand von mehreren Stunden zwischen der Antibiotika- und der Probiotikadosis, um die direkte Abtötung der probiotischen Bakterien durch das Antibiotikum zu begrenzen — den genauen Abstand sollte man jedoch im Beipackzettel des konkreten Präparats prüfen oder mit einem Apotheker besprechen.

Beide haben solide Forschungsunterstützung, allerdings über unterschiedliche Mechanismen — S. boulardii ist als Hefe von Natur aus resistent gegen Antibiotika, was das Risiko ausschließt, dass das Medikament das Probiotikum direkt „abtötet", während LGG in der Netzwerk-Metaanalyse insgesamt die höchsten Werte bei Wirksamkeit und Verträglichkeit als einzelner bakterieller Stamm erzielte.

Die analysierten Studien unterschieden sich in diesem Punkt, aber einige Protokolle sahen eine Fortsetzung der Supplementierung für einige Tage bis etwa eine Woche nach Ende der Antibiotikatherapie vor — eine einzige, allgemein bestätigte optimale Dauer gibt es jedoch nicht.

Die meisten in den Metaanalysen erfassten Studien betrafen Präparate mit einer standardisierten, bekannten KBE-Zahl eines konkreten Stamms — Joghurt und andere fermentierte Produkte haben in der Regel keinen so präzise definierten Gehalt oder einen in diesem konkreten Kontext dokumentierten Stamm, daher sollte man keinen identischen Effekt annehmen.

Quellen

PZ

dr Piotr Zieliński

Facharzt für Endokrinologie, wissenschaftlicher Berater

Piotr prüft Inhalte zu Hormonen, metabolischer Gesundheit und der Pharmakologie von Nahrungsergänzungsmitteln.

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Kommentare (2)

  • KW

    Kasia W. vor 2 Wochen

    Sehr übersichtlich beschrieben, besonders der Abschnitt zu den Wechselwirkungen — das hatte ich so an keiner anderen Stelle gesehen.

  • MT

    Marek T. vor einem Monat

    Plant ihr ein Update mit der neuesten Studie aus diesem Jahr? Ich habe eine interessante Metaanalyse gesehen.